Wenn es sein muss, entsorgen wir auch Ihr Leben!

27.07.2016 / / Literatur & Poesie

Es ist ja nicht so, dass wir da nur Kästen und Sofas durch die Gegend schleppen und anschließend um ein paar dreckige Euros verscheppern. Wenn die Kollegenschaft und ich durchs oberösterreichische tigern, dann kommen wir schon auch mal in die Gegend, wo nicht jedes Fenster eine intakte  Scheibe besitzt und die Kinder und deren Eltern nicht einwandfrei das Deutsche beherrschen. Soweit keine Überraschung.

Was ich aber nicht erwartet hätte, ist Menschen kennenzulernen, die sprichwörtlich ihr Leben wegwerfen. Und wir, die Entrümpler, sind dann die letzten Zeugen eines entmisteten Lebens. Der Herr H zum Beispiel. Als Alkoholiker versucht er von Anfang an uns zu verbrüdern und uns sowohl in die Tiefen des Lebens zu verstricken als auch in die Unendlichkeit des Universums rund um uns. Etwas viel, wenn man vorher gefühlte 30 Kisten in den LKW gestapelt hat und er alles, aber auch alles, wegwirft: Zahnbürste, Klobesen, selbst die Matratze, auf die er bisher nachts gesunken ist. Auf die Frage nach dem Warum, kommt ein irres Lachen und die nichtssagende Ansage, „um den Kopf frei zu bekommen“. Dann kommt die Geschichte von der gescheiterten Ehe, die herum hurt. Herr H erklärt uns, dass man als Mann auch mal in den Schlund des Lebens geblickt haben muss und ganz unten ankommen muss. Das würde prägen und so weiter. Dann geht’s an die Kleidersäcke und da entpuppt sich Herr H als lupenreiner Nazi mit einer Bomberjacke aus dem nationalsozialistischen Milieu und es entbrennt eine Diskussion über die Sinnhaftigkeiten und Unsinnigkeiten von Adolf Hitler. Hatte ich auch schon lange nicht mehr, aber als kleiner Trost bleibt die Tatsache, dass Herr H in zwei Tagen wieder zwischen seinen Bierdosen versinken wird und der Schlund des Lebens immer näher rücken wird. Genug Platz für einen freien Kopf hätte er jetzt zumindest, wir haben da ganze Arbeit geleistet.

„Alles, was sie brauchen, kommt raus“

Frau F ist anders gebaut. Sie ist zerbrechlich, obwohl erst um die 60, sanft, übervorsichtig fast und hat, aus welchen Gründen auch immer, schon zuviel einstecken müssen, um noch irgendwie austeilen zu können. Ihre Instruktionen sind kurz: „Alles, was Sie brauchen können, kommt raus.“ Danach sitzt sie teilnahmslos in einer Ecke und beobachtet unser Treiben. Frau F will alles aus ihrer Wohnung raus, Kinderzeichnungen, Briefe, Urlaubsgrüße, selbst gemeinsame Fotos mit Kindern und Enkel. Irgendwann ist von Scheidung die Rede, aber ich frage nicht weiter nach. Zu sehr beschäftigt mich dieser Abriß einer Persönlichkeit, die sich an nichts mehr erinnern will, die nichts mehr wissen will von all den Jahrzehnten, die ihr Leben ausgemacht haben und die, saftlos, wie sie dahängt, nur noch darauf wartet, dass es vorbei ist. Was muss in einem Leben passieren, dass man absolut nichts mehr will. Am Freitag schauen wir nochmal bei Frau F und holen den Rest ab, der nicht mehr in die erste Fuhr gepasst hat. Zweimal fahren, und das Gerümpel eines Lebens ist entsorgt.

Markus Pühringer
Werdegang: Journalist, Kellner, Autor und Vater. Was mich antreibt: Philosophie, Menschen und Sport. biography: journalist, waiter, author and father. what moves me: philosophy, people and sport.

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