Mein Wels, Teil I

10.04.2016 / / Literatur & Poesie
urknall

Vor wenigen Monaten, kurz vor der Stichwahl zwischen FPÖ- und SPÖ-Kandidat um den Bürgermeistersessel, bin ich wieder nach Wels gezogen. Nach 21 Jahren, in denen ich in Wien gelebt habe. Selber schuld, mag man jetzt denken. Vielleicht zurecht, vielleicht aber auch nicht.

Wels ist seit November 2015 blau regiert. Als einzige Stadt in Österreich mit mehr als 60.000 Einwohnern. In der Volksschule habe ich gelernt, dass Wels die achtgrößte Stadt in Österreich ist. Das mag sich geändert haben, wichtig ist die Stadt im überschaubaren Österreich aber noch immer, nicht nur für die Freiheitlichen. Neben Linz und Steyr bildet Wels das dritte Eck im oberösterreichischen Industriedreieck, die Traun haben schon die Römer, damals hieß Wels „Ovilava“, genutzt, um das Salz aus dem Salzkammergut am Flussweg herbeizuschaffen und auf den Achsen Wien – Salzburg, Wien – Passau kommt man an Wels auch nicht vorbei. Zum Skifahren nach Hinterstoder braucht man 45 Minuten mit dem Auto, in Linz ist man in einer Viertelstunde und der Hausruck (Grieskirchen) oder das Eferdinger Becken liegen auch gleich ums Eck. Wels hat eine für Oberösterreich strategisch günstige Lage. Daraus erwuchsen in den vergangenen Jahrzehnten einige Vorteile, speziell in den Jahren des ungebremsten Wirtschaftsaufschwungs nach Weltkrieg II: die Stadt wuchs flott, baute mehrere Schulen, ein gewaltiges Krankenhaus, Industriebetriebe wie Trodat, Fronius und Rübig siedelten sich an und wurden zu Weltmarken.

Was positiv auffällt, wenn man in die Kleinstadt zurückkehrt, und damit ist noch nichts ausgesagt über die soziologische Struktur der Stadt: man duzt sich schneller oder fast immer. Man kennt sich über Ecken irgendwoher. Diese, in der Großstadt gerne mit inzestiösen Paarungsverhalten belächelten, sozialen Anknüpfungspunkte erleichtern Geschäftsanbahnungen, Behördengänge, Praktikaplätze und die Vereinsmeierei. Das muss man nicht gut finden, aber in den Großstädten bleibt diese Art des Networkings jenen Gesellschaftsbereichen kampflos überlassen, die ohnedies bereits über ein fettes Telefonbuch verfügen. Außerdem: Die Anonymität der Metropolen, die die Chance bietet, seine Persönlichkeit zu verbergen und sich verschlossen zu zeigen, fällt hier weg: man wird beobachtet, gegrüßt, man beobachtet selber mehr als üblich, grüßt öfter zurück, verfällt schneller ins persönlichere Du. Das wird durch den Gebrauch des Dialekts, der sich in Wels nicht auf „netta ned“ und „voi guad“ beschränkt, sondern auch eigene Wortkreationen wie „griawig“, ungenau für „witzig“ oder „putzig“, und „fuadagrantig“ für grantig durch Hunger beinhaltet, noch zusätzlich erleichtert.

Aber mal abgesehen vom pro und contra Groß- versus Kleinstadt: Wels ist jetzt FPÖ-Stadt und das ist nüchtern betrachtet kein Wunder. Erstens geht der Trend national wie international in die Richtung. Zweitens haben sich seit 1945 mit durchgehender SPÖ-Regentschaft zu viel Klüngelwirtschaft und politische Fehler angehäuft, so dass viele Welser lieber eine neue Partei an der Macht sehen als mit dem Alten weitermachen wollten. Das muss man auch nicht gut oder richtig finden, ist aber so. Drittens: die FPÖ hat mit ihrem Bürgermeister einen nach außen herzeigbaren Mann, der seine nationale Ausrichtung gut zu verbergen weiß und als erfolgreicher Jurist hohes Ansehen in breiten Bevölkerungsschichten genießt. Und viertens ist Wels jene Stadt in Österreich, die eine besonders brisante Gemengenlage aufweist: eine hohe Drogenquote, die, weil vom Innenministerium nicht auf Bezirksebene erfasst, nur aus Randbemerkungen herleitbar ist. Daraus geht hervor, dass Wels zumindest die Heroinhochburg in Oberösterreich ist. Der Anteil von nicht in Österreich geborenen Menschen liegt bei 21 Prozent, unter den Top 4 der Herkunftsländer sind mit Ausnahme von Kroatien keine EU-Länder. Die Arbeitslosigkeit liegt im März 2016 bei knapp zehn Prozent oder knapp 5.900 Personen bei einem Arbeitskräftepotential von 59.000 Menschen. Hinzu kommt das österreichweit wie international beobachtbare Sterben des Klein- und Mittleren Gewerbes und Handwerks zum Vorteil der Shoppingcenter am Rande der Stadt mit ihren Kinoketten, Modelabels und Baumärkten. Man kennt das aus Zwettl, Villach oder Liezen. So stirbt man sich auch in Wels langsam zu Tode.

Bevor das hier abgleitet in einen Abgesang auf bessere Zeiten, erzähl ich jetzt aber noch ein bisschen von den neuen Dingen, die man hier von den verschiedensten Menschen aus den unterschiedlichsten Branchen hören und lernen kann. Vor allem von Kellnerinnen, zugegeben, aber auch schlaftrunkenen Männern an der Bar, Barbesitzern, alten Freunden, die hier geblieben oder vor mir zurück gekommen sind, von guten Kaffeehäusern in der Stadt und dem Medienkulturhaus, wo der Kellner den Terrorismusexperten aus der Zib24 vom Vortag gekonnt zerlegt. Von Menschen, die wissen, wie gefährlich das Leben in einer Stadt ist, in der Rechtspopulismus auf gut organisierte Kriminalität trifft. Und der Luft, die anders ist als die in Linz oder Wien. Vor allem im Frühling, wenn der Bauer wieder odelt.

Ende Teil I

Markus Pühringer
Werdegang: Journalist, Kellner, Autor und Vater. Was mich antreibt: Philosophie, Menschen und Sport. biography: journalist, waiter, author and father. what moves me: philosophy, people and sport.

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