Mein Wels, Teil III

05.01.2019 / / Literatur & Poesie

Wo ist Heimat? Was ist Heimat für Dich? Liebende, so höre ich sie singen, flüstern mir zu: Neben meinem Geliebten! Und auch er, ein Liebender, haucht mir ins Ohr: Neben meiner Geliebten! Wo aber ist Heimat für jene wie mich, die alleine ohne Partnerin, ohne Freundin oder Frau leben? In Wien, das ich immer wieder ungestüm meine Liebe nenne? Oder in Wels, wo ich geboren bin? Oder in Kapstadt, Tokio, New York, Washington oder irgendwo sonst in Europa und der Welt? Weil ich mich immer dort zuhause fühle, wo ich gerade sitze, gehe, stehe oder liege. Weil ich mich immer dort zuhause, ja heimisch, fühle, wo ich gerade bin.

 

Allerdings ist das natürlich gelogen. In Tokio war ich verloren. Fünf Häuserzüge vom Hotel entfernt, kehrte ich von meinen nächtlichen Ausflügen um, weil ich Angst hatte, im Chaos der fremden Zeichen verloren zu gehen. Das ist dann wohl kaum Heimat. Obwohl, in der kleinen Bar in der Nähe des Hotels war es dann schon wieder sehr gemütlich, ich war nicht daheim, aber sicher. Das könnte es wohl sein…Heimat hat etwas mit Geborgenheit zu tun.

 

Ganz anders in New York. Zweimal war ich dort. Und jedes Mal fühlte ich mich wie in meinem Wohnzimmer. Obwohl ich aus Manhattan nicht raus kam und ich daher nicht über Brooklyn, Queens oder die Bronx erzählen kann, war die Stadt sensationell und ich genoss jede Sekunde in dieser absolut einzigartigen Metropole. New York ist, was Glamour und Intensität betrifft, die Königin aller Städte. Paris, Rom, Prag, Barcelona oder Berlin sind da anders. Weniger glamourös, weniger intensiv, etwas entspannter, langsamer, älter, gewachsener, aber nicht weniger zauberhaft.

 

Zuletzt, bevor ich auf Wels zu sprechen komme, Wien. Meine Liebe. Ich kenne die Stadt als jemand, der mit 19 Jahren dorthin kam. Und mit fast 40 Jahren wieder ging. Ob ich meine Liebe für immer verlassen habe, weiß ich nicht. Sicher ist: Wien ist Kaffeehaus. Alleine das ist Begründung genug für mich. Aber Wien ist noch mehr als die Kaffeebohne der Osmanen, die sie beim überhasteten Rückzug liegen gelassen haben. Wien ist Kaiserstadt für sechs Jahrhunderte und dementsprechend trieft die Stadt vor Erinnerung an große Frauen und Männer und die Geschichten, die sie schrieben. Trieft vor Walzermelodie und Straußscher Melancholie; und Weana Suderantentum, Strizzis und Schmelztiegel aus Ost und West, Nord und Süd, die alle eines eint: die lässige Liebe zur Stadt. Ob die Vorstädte in Ottakring, Hietzing, Liesing, Währing oder Döbling. Ob die innerstädtischen Bezirke oder der erste Bezirk. Überall riecht es lässig, nach Wien eben, das anders ist und cool und geschmeidig, weanerisch und majestätisch. Ich liebe Dich, mein Wien. Du sprichst so schön schee, Oide!

 

Und auch Wels ist Heimat. Hier bin ich geboren. Ist es Liebe? Ja, ist es. Hier kenne ich fast jede Ecke und viele Gesichter, hier lebte und lebt meine Familie seit vielen Jahrzehnten und hier bin ich zur Schule gegangen und habe zum ersten Mal ein Mädchen geküsst. Nein, das war in England, aber das ist eine andere Geschichte. Wels hat viele Lokale und Cafés und gute Gastronomie, die ich Stück für Stück kennen lerne. Als Freund von Peter Altmann, der ein guter Freund von Karl Kraus war, schreibe ich wie einige Freunde des blogs wissen, vorwiegend im Kaffeehaus. Erklären kann ich dieses kreative Element an mir nicht, es ist wohl so, wie Altmann sein Buch genannt hat, schlicht: „Was der Tag mir zuträgt.“ Und das ist auch in Wels sehr vieles, jeden Tag. Und gmiatlich isses do oba moi sicha.

 

Frank Sinatra – New York, New York

Johann Strauss – Donauwalzer

Markus Pühringer
Werdegang: Journalist, Kellner, Autor und Vater. Was mich antreibt: Philosophie, Menschen und Sport. biography: journalist, waiter, author and father. what moves me: philosophy, people and sport.

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