Mein Wels, Teil II

24.04.2016 / / Literatur & Poesie
wahrzeichen von wels

Ohne zu wissen warum habe ich immer wieder den Eindruck, dass Rolltreppen das Tempo einer Stadt vermitteln. So wie sich Menschen in Tokyo, New York oder Wien auf der Rolltreppe verhalten, so schnell oder langsam fließt auch die Geschwindigkeit einer Stadt und ihrer Bewohner, so meine Theorie. In Wels kenne ich bislang nur jene Rolltreppen am Bahnhof, andere fallen mir partout nicht ein. Im öffentlichen Nahverkehr gibt es mit Sicherheit keine anderen, in Wels fahren nur Busse; U-Bahn oder Straßenbahnen existieren nicht. Aus diesen wenigen Rolltreppen lässt sich aber nun mal nicht heraus lesen, wie schnell oder langsam die Welser Städter sind. Aber sie sind vermutlich langsamer und irgendwie, was auch immer das in diesem Fall heißen mag, gemütlicher. Diese von mir verordnete Gemütlichkeit schlägt sich zwar nicht auf mangelnden Fleiß oder Betriebsamkeit nieder. Aber auf Grund anderer Alternativen ist das Leben hier schlicht ein wenig beschaulicher, auch einfacher überblickbar. Dafür bleibt mehr Raum für erleichternde Gewitztheit und gerissenen Schmäh.

Es gibt da beispielsweise einen jungen Kellner im Medienkulturhaus, mit dem ich vor wenigen Wochen herrlich herum feixte. Der junge Mann nahm da einen Terrorismusexperten auseinander, der tags zuvor bei Roman Rafreider über die Brüssel-Anschläge Allgemeinplätze wie jeder schlechte Stammtisch von sich gab. Sinngemäß hatte der Herr ein bisserl ungelenk Panik verbreitend gemeint, Österreich sei nun um einen Platz raufgeklettert im Terrorismus-Ziel-Ranking. Belege, Evidenzen oder herleitbare Erklärungen gab es nicht, dazu hatte der gute Mann schlicht zu wenig Ahnung von der Materie. Der junge Kellner hingegen erklärte mir seine abgeleitete steile These an der Theke, dass wir das wie im Fußball sehen müssten. Hier wie dort sei Österreich jetzt eben in Topf 2.

Einige Tage danach habe ich mich in einer Kneipe mit einem jungen Mann unterhalten, der etwas weniger Galgenhumor in sich trug, auf Freigang war und mir zwei Stunden von seinem Leben innerhalb und außerhalb der Gefängnismauern erzählte. Da mir ja direkte Einblicke in die Welt der extremen Gewalt fehlen, war diese Erzählung ein echter Augenöffner. Ein Universum voller Drogen, Waffen und unmittelbarer Gewalt, in der Nationalismus und Ausländerfeindlichkeit eine nochmals völlig andere Bedeutung erhalten als jene, die ich aus meinem Leben oder aus Zeitungen und elektronischen Medien kenne. Kurz danach sprach ich mit jemandem, der in eben jenem Gefängnis arbeitet. Aus dem Munde eines Justizwachebeamten dessen Lebensrealität zu hören ist ebenso verstörend und die Positionen liegen dermaßen weit auseinander, dass es manchmal zum Verzweifeln ist.

Wenn ich mich allerdings zurückziehe aus der Debatte um Zuwanderung, Flüchtlinge, gefühlte oder tatsächliche Zunahme der Kriminalität und ähnliche Untergangszenarien, dann bleibt immer noch die Schönheit der Natur. Von Eferding oder Grieskirchen kommend fährt man über Puchberg, einem freundlichen Hügel im Norden der Stadt, nach Wels ein. Schon als Junge am Beifahrersitz war ich jedes Mal wieder von diesem Ausblick beeindruckt, der sich dem Autofahrer an schönen Tagen bietet. Heute, als etwas älterer Mensch, weiß ich ihn noch mehr zu schätzen. Nicht nur der Traunstein und Dachstein sind da zu sehen, eine breite Palette der Alpen-Nordwand lässt sich da einfangen. Die sehr netten Linzer von „rudy games“ sagen über Wels, es bestünde nur aus Einbahnen. Das tut mir leid, mir ist es als gebürtiger Welser nie aufgefallen, weil einem vieles an der eigenen Stadt ganz normal und unhinterfragt richtig vorkommt. Zumindest war das als Kind so. Heute muss ich ihnen recht geben, Wels hat tatsächlich sehr viele Einbahnen und da muss man als Ortsunkundiger mal durchblicken. Und ich als Heimkehrer bin auch gerade erst mittendrin, mir als Erwachsener in modernen Zeiten einen guten Eindruck von der Stadt zu verschaffen. Zumindest mit den Einbahnstraßen kenne ich mich schon mal aus.

Markus Pühringer
Werdegang: Journalist, Kellner, Autor und Vater. Was mich antreibt: Philosophie, Menschen und Sport. biography: journalist, waiter, author and father. what moves me: philosophy, people and sport.

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