Mein Revolver, der Flachmann und sie

22.09.2017 / / Literatur & Poesie
schönheit

Damals, als ich mich zum letzten Mal mit ihr traf, spürte ich, wie mein Puls irgendwo zwischen den Mandeln pochte und meine Hände das Lenkrad krampfhaft umklammert hielten, um nicht einsam vor sich hin zu zittern. Ich hatte das Radio zu laut an und hörte zufällig Nirvanas „Come as you are“, was in mir Melancholisches hervor rief. Weil ich den Song zu gut kannte und in Situationen gehört hatte, die mit Liebe und Artverwandtem zu tun hatten. Nach einer langen Autofahrt, in der noch Depeche Mode und David Bowie vorbei schauten und was von sich hören ließen, stieg ich mit tauben Beinen aus dem Wagen und blickte mich um. Wir hatten vereinbart, uns in der Nähe des Flusses zu treffen, dort bei der Blockhütte, in der wir unsere erste Nacht verbracht hatten. Ich griff ins Handschuhfach, nahm den Revolver und den Flachmann raus und beschattete die Augen, während ich nach der Blockhütte Ausschau hielt.

Jahre später begegnete ich ihr wieder. Es war eine dieser surrealen Erlebnisse, die sich im Laufe des Lebens wiederholt einschleichen und auf die sich kein Reim gemacht werden kann. Ich lag bereits am Nachmittag im Bett und starrte die Decke an. Die Zeit schien nicht verstreichen zu wollen und alles rund um mich verflüssigte sich zu Brei. Ich begann aufzustehen und herum zu brüllen. Dabei sprang ich wie verrückt im Zimmer umher und knallte wiederholt mit dem Kopf gegen Wände, vielleicht auch gegen die Tür, ich kann mich nicht mehr erinnern. Nach einem heftigen Stoß verlor ich das Bewusstsein und sie erschien mir. Sie saß vor der Blockhütte und lächelte mich an. Es war wie damals. Nein, es war viel besser. Ein herrliches Gefühl, ein unendlicher Ozean von Licht und Wärme, etwas, von dem die Nahtod-Menschen berichten, strömte durch mich hindurch. Ich liebte über den Moment, den Fluss, den Horizont hinaus. Noch immer lächelnd, aber noch immer ungefährlich lächelnd, stand sie auf und richtete meinen Revolver auf mich. „Trink“, sagte sie, als sie mir den Flachmann zuwarf. Kurz danach erschoss sie mich ungefährlich lächelnd.

Heute weiß ich noch immer nicht, welche der beiden letzten Begegnungen mir mehr Angst einjagt. Jene, in der ich Täter war oder jene als Opfer? An beiden Tagen war ich aus der Rolle gefallen, aus jedem Rahmen, in dem man gefangen ist und gehalten wird. Es fühlt sich nicht gut an, zu fallen. Denn der Weg zurück in den Rahmen ist weit. Als Opfer genauso weit wie als Täter. Nur, dass du dich als Opfer nicht um dein Gewissen kümmern musst. Ich aber weiß, ich bin einmal der Mann mit dem Revolver gewesen. Und es ist kein Trost, dafür ein andermal erschossen worden zu sein.

Nirvana – All Apologies

Markus Pühringer
Werdegang: Journalist, Kellner, Autor und Vater. Was mich antreibt: Philosophie, Menschen und Sport. biography: journalist, waiter, author and father. what moves me: philosophy, people and sport.

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