Glück auf, Faykern

13.05.2016 / / Politik
Oskar Werner

Gleich am Tag nach Muttertag ist Werner Faymann als Medienkanzler und SPÖ-Chef zurückgetreten. Das ist vor allem in erster Linie ein medialer Mega-Event. Es gibt Hintergrundberichte zum Tag des Abtritts, Spekulationen über den Nachfolger und sein neues Team und die leise heimliche Hoffnung, dass nun vieles besser wird. Christian Kern könnte es richten, weil er ein sanfter Techniker der Macht sein dürfte, mit breiter Unterstützung der Partei ausgestattet ist und von vielen unterschiedlichen Parteiströmungen als der Richtige eingestuft wird. Das wird man sehen, zum Bundeskanzler Christian Kern wäre ein Urteil vermessen und vorschnell.

Was aber schon jetzt gesagt werden kann, ohne zu weit ins Kraut zu schießen: der Mann steht vor denselben Themen wie jeder andere an dieser Stelle auch stehen würde. Um mit dem kleinsten zu beginnen: ein fesselnder Föderalismus in einer einander verhassten Koalitionsregierung zweier Parteien, die nicht wahrnehmen wollen, dass ihre Zeit vorüber ist. Der Sozialdemokratie gelingt es europaweit seit 30 Jahren nicht, die kulturelle Hegemonie der Konservativen, die alle Lebensbereiche durchdrungen hat (Sport&Freizeit, Leistungsdenken, Karriere, Schönheits-& Gesundheitswahn, survival of the fittest [wobei es keine eindeutige Übersetzung von „fittest“ ins Deutsche gibt], Ich-AG, Status-Symoblik, Geiz-ist-geil-Mantras), zu durchbrechen. Oder ihr überhaupt etwas entgegen zu setzen. Nun von jemandem zu verlangen mit neuem ideologischen Material zu arbeiten und damit gegen die Länder aufzumucken, die mehrheitlich schwarz regiert werden und kein Jota von ihrer Macht abrücken – zumindest soviel kann man nach 20 Jahren politischer Beobachtung taxfrei behaupten – ist verrückt. Erwin Pühringer, Josef Platter, Günter Pröll oder wie die schwarzen Landesfürsten auch immer heißen mögen, werden sich hüten, einem erfolgreichen Bahnmanager irgendeinen Erfolg zu gönnen, solange ihr Sebastian Kurz nicht gegen Heinz-Christian Strache in Stellung gebracht ist. Am föderalen System in Österreich wird sich nichts ändern und damit wird auch Kern nur weiter wursteln können – sei es in der Bildung, im teuren Gesundheitssystem oder mit den Wohnbaugeldern. Unsere Generation wird es, wenn überhaupt, nur als sehr geduldige Alte erleben, dass die Macht der Landeshauptleute in Österreich beschnitten wird. Alles andere wäre ein Wunder. [an die ich gerne glauben mag]

Das zweite nicht zu unterschätzende Thema vor dem Kern als Kanzler steht: SPÖ und ÖVP können miteinander nicht. Es ist eine Mär, dass Große Koalitionen große Probleme lösen. Das war einzig und allein richtig beim Zustandekommen des Staatsvertrags 1955 und beim EU-Beitritt 1995. Ansonsten trennt die beiden Parteien nur allzu Menschliches, die Protagonisten können sich nicht ausstehen und gönnen sich keinen Erfolg. Das hat sich mittlerweile nicht nur bis zu HC Strache herum gesprochen, sondern ist auch für die österreichische Bevölkerung mehr als über deutlich. Wer den Streit derart untereinander kultiviert, hasst sich. Diese konstitutiven Elemente der Sozialdemokratie und der Christdemokraten kann auch kein neuer SPÖ-Chef oder neuer ÖVP-Chef überwinden. Bisher hat einzig die Sorge um das Gesamtwohl der Republik die vernünftigen Köpfe in SPÖ und ÖVP dazu bewogen, miteinander mehr schlecht als recht zu arbeiten. Wenn es aber um den politischen Überlebenskampf geht, in den beide Parteien nun eingetreten sind, können diese staatstragenden Gedanken keinen breiten Raum im strategischen Überlegen der Protagonisten Michael Pröll und Erwin Häupl mehr einnehmen.

Doch das bisher Gesagte wäre halb so wild, wenn Österreich nicht inmitten Europas läge und Teil der EU und der Eurozone wäre. Und Europa wiederum der stärkste Wirtschaftsraum der Erde ist, die sich mit Unannehmlichkeiten wie einem vom Menschen verursachten Klimawandel herum schlägt. Der nach einer anderen Antwort als der bisherigen verlangt. Nach einer radikal neuen Art des Denkens einer Mehrheit der Menschen auf diesem Planeten, die in Demokratien gewohnt sind wählen zu dürfen. Nämlich zu denken weit über den nächsten Tag hinaus. In die Jahrzehnte gehend. [wir haben doch fast alle Kinder, oder lieben welche]. Und genau so wichtig: Weit über sich selbst, über die eigene Sippe oder Familie oder „Nation“ hinaus. Die lernen müsste, dass Gott eine Figur ist, die in jedem und jeder selbst wohnt und nicht durch Bücher oder Doktrinen vorgelebt werden kann, weil sie von Menschen geschrieben sind oder gelebt werden, die ihrerseits zu viele Fehler in sich tragen, als dass sie jemals die absolute Wahrheit für sich in Anspruch nehmen könnten.

Stattdessen trägt die oben angerissene kulturelle Hegemonie ausschließlich dazu bei, dass die wirtschaftlich Erfolgreichsten ihre Stimme am lautesten erheben dürfen und ihnen auch noch geglaubt wird. Wer sich über Donald Trump wundert, muss sich fragen, warum im österreichischen Parlament eine Partei namens „Team Stronach“ sitzen kann. Die Antwort ist niederschmetternd: die Menschheit lernt, aber nur sehr langsam und unter wahnsinnigen Schmerzen. Das Phänomen der erstarkenden Rechten quer durch Europa, eines Ultra-Nationalismus in der Ukraine und Russland, eines Donald Trump, [der meiner Meinung sehr wohl die Chance hat, gegen Hillary Clinton zu gewinnen], eines drohenden Brexit in Großbritannien, eines politischen Islamismus unter Erdogan in der Türkei haben eines gemeinsam: der Wunsch nach nationalen Lösungen unter starker Führung. Warum? Ich weiß es nicht. Ich vermute, es liegt daran Ordnung in die Unübersichtlichkeit der Welt zu erhalten. Und sei es von einem Diktator. Bewährtes, Dirndl und Lederhosen. Pommes mit Ketchup und den Songcontest mit chauvinistischen Aussagen.

Wenn wir, als Menschheit, nicht beginnen zu begreifen, dass wir in dieser Zeitspanne gemeinsam das unglaubliche Glück, das nicht aussprechbare Glück haben, hier leben zu dürfen, wenn wir nicht begreifen, dass das hier jetzt unsere Zeit mit unseren Möglichkeiten ist, den Mensch gemachten Umständen etwas entgegen zu halten, fürchte ich, lernen wir nur unter wahnsinnigen Schmerzen. Und mit Hilfe der Musik und, so abgeschliffen das Wort sein mag, der Liebe. Glück auf Faykern!

absolute beginners, David Bowie

P.S.: Ich danke für die Zeit fürs Lesen, freue mich über likes oder shares auf facebook oder twitter.

Markus Pühringer
Werdegang: Journalist, Kellner, Autor und Vater. Was mich antreibt: Philosophie, Menschen und Sport. biography: journalist, waiter, author and father. what moves me: philosophy, people and sport.

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