Gedanken zu 2020

27.10.2020 / / Politik

Es ist schon länger her, dass hier Neues stand. Heute, Ende Oktober 2020, ist es wieder mal soweit. Vorsicht, der Kommentar wird ein bissi schwermütig und beschäftigt sich mit Corona, Verschwörungstheorien und unser aller Empörungskultur.

 

Vor einem Jahr noch kannte auch in Österreich fast niemand das kleine Örtchen Corona am Wechsel in Niederösterreich und wohl ebenso wenige wussten, dass die heilige Corona die Schutzheilige gegen Seuchen ist. Um zumindest diese beiden Fakten sind wir alle heute schlauer. Auch ansonsten hat sich viel getan, so in den vergangenen zehn Monaten. Babyelefant, Mund-Nasen-Schutzmaske und Quarantäne, auch Lockdown, sind alles Begriffe, die eingängig geworden sind. Wir wissen, was gemeint ist. Warum es das alles gibt, darüber gehen die Meinungen weit auseinander und wer sich ein wenig umhört, stößt flott auf die absurdesten Theorien.

 

Ich werde hier nicht noch eine weitere Meinung zu Herkunft, Intention oder grundsätzlicher Existenz des Virus ventilieren. Es ist da und wer nicht glaubt, in einem Film á la Matrix zu leben, muss sich mit dieser ungemütlichen Wahrheit vernunftbegabt auseinander setzen. Es sind nicht die Juden oder die Demokraten gewesen, es waren nicht Aliens und ich war es übrigens auch nicht. Was mich zunehmend besorgt, sind zwei zusammenhängende Fakten. Das eine: das Virus wird uns nicht so schnell verlassen. Das andere: Corona wird eine tiefe rote Spur quer durch unsere wohlstandsverwöhnten Gesellschaften ziehen und Arbeitslosigkeit, Pleiten, Einsamkeit, psychische Krisen, und ich wage zu behaupten, andere unschöne Gesellschaftsphänomene produzieren. Zusammen mit den oben kurz angerissenen Verschwörungstheorien zu Corona braut sich da was zusammen, was für den gesellschaftlichen Zusammenhalt die bisher größte Aufgabe in unser aller Lebenszeit bedeuten wird. Denn einerseits flattern die Meinungen nur so aufgeregt im Wind, wer woran schuld hat. Andererseits fürchten immer mehr zurecht um ihre Jobs. Und leider, zum Dritten, schaut es nicht so aus, als hätten wir bald einen Impfstoff (um dessen Anwendung übrigens dann ebenso zumindest ein Meinungskrieg ausbrechen wird).

 

An dieser Stelle ließe sich dann auch noch Gott und sein Wille anführen. Aber darüber können wir nichts wissen. Und wovon man nicht reden kann, darüber muss man schweigen, lehrt uns schon Wittgenstein.

 

Corona lässt auch deshalb die Wogen so hoch gehen, weil das Virus in einer Zeit rund um den Globus hechelt, in der die Empörung des Einzelnen sowieso schon cybermäßig hochgerüstet ist. Wer sich aller über eine vermeintlich falsche Behandlung durch seine Mitmenschen empört: Schwarze, Weiße, Muslime, Christen, Männer, Frauen, Autofahrer, Radfahrer, Hundebesitzer, Impfgegner und Eltern und einige andere mehr. Entzündet wird dieser Streit jeder gegen jeden zuallererst in den sozialen Medien, angekommen ist er längst im öffentlichen Raum. Auf meinem kleinen blog bin natürlich ich auch eine dieser Stimmen, die um Aufmerksamkeit buhlt und seiner Stimme Gehör verschaffen will. Allerdings handelt es sich bei meinem blog um einen reichweitenschwachen und wie ich hoffe, nicht um einen zusätzlich spalterischen.

 

Mir scheint, dass in einer Gesellschaft, in der auf alles und jeden Rücksicht genommen werden muss, um niemand zu beleidigen, ein dauerhaftes friedliches respektvolles Miteinander zunehmend unmöglich wird. Ich plädiere nicht für Autoritäten wie Bürgermeister, Dorfpfarrer, Lehrer und Arzt. Aber all diesen Funktionsträgern wieder etwas mehr Respekt entgegen zu bringen, könnte helfen, einige gesellschaftliche Krisen leichter zu meistern. Der Freiheit, mit seinem Leben alleine umzugehen, scheinen viele nicht gewachsen. Warum ich das so provokant schreibe? Weil wir als liberale Gesellschaft nicht zusammenwachsen, schon vor Corona nicht, sondern in wütende und einander unversöhnlich gegenüberstehende Partikularinteressen zerfallen. So, wie auch Kinder einen Rahmen brauchen, in dem sich ihre Freiheit abspielt, gilt das auch für unsere westlichen Gesellschaften. Wir nennen das Verfassung und Gesetze. Allerdings haben wir mit dem Internet und den sozialen Medien ein Unikum erschaffen, dass jeden befähigt, zum selbsternannten Mediziner, Pädagogen, Politiker oder Spirituellen Heiler zu werden. Und in unserem wirtschaftlichen System folgen dem lautesten und wirrsten Typen die meisten follower. Der Scharlatanerie, Lüge, Betrug und Wahnsinn sind damit Tür und Tor geöffnet.

 

Gemeinsam mit Corona, Verschwörungsmythen, autoritären Zügen des Staates und den wirtschaftlichen Folgen der Virus-Krise schaue ich also etwas irritiert auf 2020. Mit Blick auf den Klimawandel und Fridays for Future ende ich hiermit also mit: „Schlechter geht´s immer!“ Oder um mit Harald Schmidt zu sprechen: Wir trudeln ohne Zweifel dem Untergang entgegen, steigen aber jeden Morgen mit einer gehörigen Portion Lebensfreude aus dem Bettchen. Da hat er nämlich einen Punkt, der Herr Schmidt. Das Leben an sich ist einfach sensationell schön.

Markus Pühringer
Werdegang: Journalist, Autor und Vater. Was mich antreibt: Philosophie, Menschen und Sport. biography: journalist, author and father. what moves me: philosophy, people and sport.

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