Geburtstagskuchen

29.09.2017 / / Literatur & Poesie
puma mit weichen augen

29. September 2017. Der Tag in diesem Jahr, an dem sich meine Sanduhr für alle ersichtlich wieder umdreht. Meine Tochter fragt auf whatsapp, wie es sich anfühlt, Geburtstag zu haben. Meine jüngere Schwester umarmt mich Verschlafenen am Morgen. Die Mitglieder einer whatsapp-Gruppe schreiben Glückwünsche. Liebe Freunde, von denen ich manche schon lange nicht mehr gesehen habe, vor allem die aus Wien, gratulieren auf facebook mit einem Eintrag. Was mich sehr freut. Was mir gefällt. Auch, dass mein Cousin anruft. Ich chatte im messenger mit einem Oberösterreicher in Wien kurz über die Unannehmlichkeiten des Alterungsprozesses. Wir kommen nicht weiter als bis zur zunehmenden Kurzsichtigkeit. Keine Zeit. Dabei ist sie es, die uns am Leben lässt, die Sanduhr regelmäßig umdreht und es uns am Ende auch wieder nimmt.

Neben dem Körper wird der Geist, vielleicht auch das Bewusstsein, älter. Ob man sich mit den Jahren dabei immer wichtiger nimmt oder gelassener mit seinem Dasein und der verrinnenden Zeit umgeht, hängt wohl von den Erfahrungen, die man im Leben macht, und deren Ableitungen, ab. Rust Cohle schimpft in „True Detective 1“ über die Ich-Bezogenheit jedes Individuums, im Grunde über das Bewusstsein jedes einzelnen. Wir Menschen seien eine Fehlleistung der Evolution. So schlimm sehe ich das nicht, weil ich Licht noch immer der Dunkelheit vorziehe. Aber dass jeder Mensch „ich ich ich“ und „mehr mehr mehr“ schreit, scheint auch mir manchmal ein evolutionäres Problem, das uns in einige philosophische Paradoxa führt.

Noch habe ich aber nicht das Gefühl, dass das Älter werden grundsätzlich schlecht ist. Im Gegenteil, wächst man dadurch doch erst täglich mehr ins Leben, mitunter in die Welt. Die Gewohnheiten, die Rhythmen, die Rituale, die do´s und dont´s werden mehr, reifer und klarer. Die Stärken machen mehr Spaß, die Schwächen werden weniger wichtig. Zum Beispiel weiß ich, dass ich nicht backen kann. Nicht einmal einen Geburtstagskuchen. Aber wer weiß? Gut Ding braucht bekanntlich Weile. Und ein klares Bewusstsein.

 

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Markus Pühringer
Werdegang: Journalist, Kellner, Autor und Vater. Was mich antreibt: Philosophie, Menschen und Sport. biography: journalist, waiter, author and father. what moves me: philosophy, people and sport.

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