Früher war sogar die Zukunft besser

24.04.2016 / / Politik
porträt auf zeitungspapier

An all jene, die heute, am Tag der Bundespräsidentwahl in Österreich, posten, dass 1933 in Deutschland auch schon absehbar war, was in den Jahren danach noch passieren könne, ein Zusatz von mir: wir sind 2016, nicht mal 80 Jahre nach dem Beginn von Weltkrieg II nicht in der selben Situation wie damals. Die multipolare Weltpolitik ist weitaus unübersichtlicher und komplexer als 1933. Die Entwicklung der menschlichen Evolution hat in den vergangenen 77 Jahren an Dynamik und Geschwindigkeit zugelegt, dass ich manchmal nur so mit den Ohren schlackern kann. Selbstverständlich haben all jene enorm davon profitiert, die nach den Kriegen in die Welt geboren wurden und wir leben in einem überwiegend friedlichem Teil der Erde, der an Wohlstand und Komfort für viele wenig mehr zu wünschen übrig ließe. Aber diese täglich noch enger zusammenwachsende Welt lässt keine Innen- und Außensicht der Schwierigkeiten, Herausforderungen oder Probleme, je nach Geschmack der wording-Berater, von Gesellschaften mehr zu. Wir leben in einem künstlich am Leben gehaltenen Wirtschaftssystem, das die Spaltung und Polarisierung der Gesellschaft, verdammt noch mal egal welcher, nur noch mehr voran treibt. Da geht es doch längst nicht mehr alleine um Hofer, Strache und die FPÖ. Das ist peinlich und schlimm genug, aber doch nur die kulturell und historisch anders gelagerte Entwicklung dessen, was AfD, Front National, Donald Trump, Fidesz, PiS in Polen, die wahren Finnen, die nationalen Parteien in Kroatien und Serbien oder Putin in anderen Teilen der Welt genauso abziehen. All das ist erschreckend, furchtbar und angsteinflößend. Ein nationalistisches Europa muss der Alptraum jedes denkenden Menschen sein. Ebenso wie ein nationalistisches Russland mit einem US-Präsidenten Trump oder anderen Republikaner der Tea Party als Gegenüber ebenso katastrophal wäre. Da werfe ich jetzt keinen Blick in den Nahen Osten, ins südchinesische Meer oder nach Nordkorea, vermeide jeden Kommentar zu Großbritannien und denke nicht an die „geretteten“ Griechen oder die Türkei, an die Kriegsflüchtlinge dort und die unterdrückten Kurden oder die zunehmend spannungsgeladene Konkurrenz Saudi-Arabiens und Irans im Ölpreis-Kampf. Auch in Lateinamerika brodelt es mit Brasilien und Venezuela gewaltig. Können ja nicht alle nach Kanada auswandern, sonst wählen die dort auch noch national-populistisch. Bleibt noch die Variante von Stephen Hawking, der auf Grund des Klimawandels, von dem meistens die politischen Expertisen schweigen, eine Evakuierung der Menschheit noch in diesem Jahrhundert ins Universum empfiehlt, um unsere Spezies zu retten.

Warum sollten wir sie retten?

Weil sie lachen kann. Weil sie lieben kann. Weil sie lernen kann. Es ist manchmal zum Verzweifeln mit uns.

Auch wenn es für manche, die meine Einträge hier öfter mal lesen, schon einen Bart hat oder aber ich als weltfremd oder naiv abgestempelt werde. Sämtliche Spannungen, egal ob sie religiöser Natur und damit terrorismusfördernd sind. Oder Naturkatastrophen, die durch den Klimawandel verursacht werden. Oder die immer besseren Wahlergebnisse für immer extremere Parteien egal welcher Weltanschauung. Oder die wachsende Zuwanderung in den vermeintlich goldenen Westen. Oder die wachsende Armut in unseren Breitengraden und das immer offensichtlichere aussichtslose Abstrampeln weiter Teile einer Mittelschicht, gerade der jungen Menschen, die sich dadurch noch schneller von etablierter Politik abwenden und sich mit Dancing Stars und Topmodels narkotisieren lassen, um dann an Tagen wie diesen zurück zu schlagen. Terrorismus, Zuwanderung, Arm-Reich, Klimawandel, Hass auf Eliten, all das wird noch schlimmer werden solange nicht neue Wege für Wachstum beschritten werden. Die Jahrzehnte, in denen Demokratie und Kapitalismus die Garanten für friedliche Koexistenz auf dem Planeten waren, sind vorüber. Je schneller das klar wird, thematisiert wird und Gesetze anders definiert werden, umso besser für alle. Auch für unsere Kinder, deren zukünftige Kinder und damit unsere Enkel. Wer weiter glaubt, der Wandel, die Veränderung, die Idee zu einer neuen wirtschaftlichen Ordnung wird von der regierenden Politik kommen, irrt. Das zeichnet sich seit Jahren nicht ab, es sind doch in fast allen westlichen Ländern nur noch die Zuckungen eines Systems, das im Sterben liegt. In diesem Punkt haben Neos-Chef Matthias Strolz und Irmgrad Griss, und damit auch die AfD-Leute, recht. Das kann auch ein Erwin Pröll in Niederösterreich nur mehr schlecht als recht zudecken. Michael Häupl weiß das für sich mittlerweile wohl schon, Winfried Kretschmann in Baden-Württemberg deckt mit einem konservativen Grün-Anstrich noch eine aufgeklärtere relative Mehrheit in seinem Bundesland ab, in der es tatsächlich noch eine geringere Armutsquote und Arbeitslosigkeit gibt als im Rest-Deutschland. Wer sich aber erwartet, dass die FPÖ oder andere rechtsgerichtete Nationalisten irgend etwas für die kleinen Leute tun werden, richte seinen Blick nach Griechenland und Ungarn. Erstens würden rechte Regierungen ihre Wirtschaftspolitik nach dem ungarischen Modell Orban abschotten und somit noch schneller in den Abgrund führen. Wir können das Rad nicht mehr zurückdrehen, die Volkswirtschaften sind in unüberschaubarer Abhängigkeit miteinander verflochten. Und sobald Wohltaten für die eigene Bevölkerung verteilt werden sollen, scheitert das am IWF und der Macht der Zentralbanken. Es gibt rechts der Mitte, aber auch links davon keine ernstzunehmende Kraft, die der Macht von Kapital und damit Entsolidarisierung und Erdzerstörung einen Riegel vorschieben will. Wir werden daher weltweit mit immer mehr irrational wirkenden Wählerentscheidungen leben müssen. Das ist keine Prognose für die Zukunft, das ist meiner Meinung eine logische Fortsetzung dessen, was schleichend in der Mitte der 80er Jahre mit Reagan und Thatcher begann. Allerdings längst nicht mit der globalen Dynamik wie sie heute herrscht.

„Früher war sogar die Zukunft besser“, soll der Komiker und Autor Karl Valentin gesagt haben. Vor wenigen Wochen habe ich auf youtube einen Bergbauern gehört, der, gefragt, woran er glaube, gemeint hat: „Ich glaube, dass von einem guten Rindfleisch eine gute Rindsuppe wird. Sonst gar nichts.“ Das ist keine politische Ansage, ich weiß. Aber hat eine beruhigend philosophische Tiefe.

Du musst das Leben nicht verstehen, Rainer Maria Rilke

Danke für die Zeit und das Lesen dieses Textes. Liken und Teilen auf facebook oder twitter freut mich natürlich besonders.

Markus Pühringer
Werdegang: Journalist, Kellner, Autor und Vater. Was mich antreibt: Philosophie, Menschen und Sport. biography: journalist, waiter, author and father. what moves me: philosophy, people and sport.

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