Es wird nicht gut ausgehen

30.01.2016 / / Politik

Es ist nämlich so, dass die Geschichte nicht gut ausgehen wird. Sie endet nämlich mit dem Tod. Dazwischen ist die Geschichte voll mit Tagen und Jahren, Leben eben. Während der Geschichte verändern wir uns. Körperlich sowieso aber auch durch jene teils widersprüchlichen Erfahrungen, die wir in unsere Bewertung von uns selbst, unserer Umwelt und der Welt einfließen lassen, und durch jene mächtigen oder stillen Augenblicke, die am Ende der Geschichte in Erinnerung bleiben werden. Hoffentlich bei uns selbst und mit Sicherheit bei den Hinterbliebenen. Während der Geschichte verändert sich aber auch weltweit alles simultan rund um uns. Kinder werden erwachsen, man selbst wird älter, die Eltern sterben.

Es ist nämlich aber auch so, dass daran nichts neu ist. Geschichten haben immer mit dem ersten Satz angefangen, sind Seite für Seite immer spannender geworden und irgendwann wird die letzte Seite aufgeschlagen und das Buch zugeklappt. Während der Geschichte gibt es bei jedem Sekunden oder Minuten, wo kurz über die Zeit nach der Lektüre phantasiert wird. Im Idealfall wird der Gedanke aber schnell wieder verworfen und man kümmert sich besser darum, dass man in keine Baugrube stürzt, die Schnürsenkel ordentlich gebunden sind und man auch morgen noch kraftvoll zubeißen kann.

Jetzt ist es aber nämlich dennoch so, dass ich einen dringenden Verdacht nicht loswerde: irgendetwas ist neu an der Geschichte, die wir gerade gemeinsam lesen und schreiben. Das mag alarmistisch klingen, weil eine innere Unwucht über die eigene Zukunft und über die jener Menschen, die man liebt, kein Phänomen des beginnenden 21. Jahrhunderts ist. Die fühlten mit Sicherheit alle Lebewesen, die vor uns auf der Erde waren. Unsicherheitsgefühle gegenüber der Zukunft sind nichts Neues. Das meine ich auch nicht.

Es ist vielmehr so, dass ich den Verdacht in Bezug auf Entwicklungen hege, die sich spätestens mit dem Beginn des Informationszeitalter und der schleichenden Ablöse des Industriezeitalters rund um das Jahr 2000 festmachen lassen, ohne dass ich sie hier apodiktisch bewerten möchte. Aber ich glaube, sie sind in ihrer Intensität und Geschwindigkeit neu in der Menschheitsgeschichte, interagieren miteinander und führen dazu, dass die Gesetze des weltweiten Zusammenlebens gerade neu geschrieben werden. Ich meine damit,

 

– erstens die Erodierung von gesellschaftlichen Strukturen: Autoritäten, die bis weit ins 20. Jahrhundert prägend in ihrem Bereich waren, verlieren an Ansehen, Bedeutung und Gewicht. Diese zunehmende Ablehnung kann sich in offen vorgetragener Verachtung und persönlichen Anfeindungen, im schlimmsten Fall in purem Hass äußern. Gemeint sind damit Berufsgruppen wie Lehrer, Ärzte, Vertreter der katholischen Kirche, Unternehmer, Manager, Politiker und Journalisten.

– zweitens eine Individualisierung von Gesellschaft, die immer öfter an ihre Grenzen stößt: also ein stetiger Prozess von Zersplitterung der Gesellschaft in Partikularinteressen. Gekoppelt mit und verstärkt wird der Trend zur Individualisierung durch einen Konkurrenzwettbewerb, der, ausgehend vom wirtschaftlichen Existenzkampf, keinen Bereich des Lebens ausnimmt. Vom Kult um den eigenen Körper über die Partnersuche bis hin zu Status-Symbolen im Kindergarten. Die Individualisierung unserer Gesellschaft, die ein Produkt einer der größten Errungenschaften demokratischer Systeme ist, nämlich das Ausleben persönlicher Freiheiten ohne die Freiheit des anderen einzugrenzen, treibt manch absurde Blüte. Zu beobachten ist das beim Streit ums Binnen-I oder um den Text der Bundeshymne. Bei der Auseinandersetzung zwischen Fleischessern und Veganern, beim Kampf Raucher gegen Nichtraucher, bei der Suche nach innerer Erleuchtung und Lebenssinn in der Esoterik, was bis zur Verweigerung von Impfungen und einer kategorischen Ablehnung der Schulmedizin in ihrer Gesamtheit führen kann. Der Konflikt zwischen Autofahrern und Radfahrern in Großstädten. Die Frage der Haltung von Hunden in der Stadt. Am deutlichsten zuletzt natürlich in der Flüchtlingsfrage. Zusammengefasst: die Toleranz, die wir für unseren eigenen Lebensstil einfordern, sind wir immer seltener bereit, im selben Ausmaß anderen zuzugestehen.

– das Internet in einer globalisierten Welt: der bisher größte Schritt der Menschheit in meiner Lebenszeit verändert die Regeln, nach denen öffentlicher Diskurs stattfindet. Jedermann darf bei entsprechender Selbsteinschätzung zum Experten für alles werden. Was nicht verwundern kann: der Wissensschatz im Internet kennt scheinbar keine Grenzen. Alles ist beweisbar, auch das Gegenteil davon. Soziale Netzwerke sind spielerisch angelegt und ermutigen dazu, sich zu präsentieren und möglichst spontan aus dem Bauch heraus zu bewerten, zu posten und zu kommentieren. Das Internet ist ein Instrument, das wie kein anderes Medium in der Geschichte den Menschen zur Selbstermächtigung motiviert. Um Dimensionen schneller und wirksamer als das der Buchdruck vermochte. Ein Medium außerdem, das wie kein anderes davor Menschen zum Austausch von Gedanken, Meinungen, Erlebnissen und Erfahrungen einlädt und eigentlich danach schreit, zumindest Empathie mit dem Leid fremder Menschen am anderen Ende der Welt, mit Lebewesen im Allgemeinen, zu entwickeln. Ein Medium, das es geschafft hat, binnen weniger Jahre die gesamte Weltbevölkerung unabhängig von Alter, Geschlecht, Religion, sexueller Orientierung und Herkunft theoretisch miteinander zu verbinden und Wertvorstellungen, Ideologien und subjektive Weltsicht gegeneinander antreten lässt. Wie in jedem Massenmedium behalten zu oft die lautesten, schrillsten und schnellsten Stimmen die Oberhand. Das Internet ermöglicht aber auch, dass wir alle binnen Minuten wissen können, was irgendwo in der Welt passiert. Im Medienbereich führt das durch den zunehmenden Konkurrenzdruck, der durch das Internet verstärkt wurde, zu übereilten, hysterischen, panischen oder, in Österreich, bewusst falschen Meldungen im Kampf um Klicks und Auflage. Besonders hier gilt: wer zuerst oder am lautesten schreit, dem folgen zu viele völlig anstandslos.

– Ungleiche Chancenverteilung und ihre Auswirkungen: wer über die notwendigen Ressourcen zu Beginn des Lebens verfügt – Geld, Bildung, Kontakte – schafft es leichter, sich von den Auswirkungen einer immer ungleicheren Gesellschaft in der westlichen Welt, und nicht nur hier, zu entkoppeln. Bis zur nächsten Begegnung an der Tankstelle, im Supermarkt, in der U-Bahn oder in sozialen Netzwerken. Denn während jene, die sich nur am Rande mit der Welt beschäftigt haben, in den vergangenen Jahren an der Komplexität der Gegenwart in Zukunftsangst, Esoterik oder Hass flüchten, profitieren Besserverdiener von den Segnungen des Internets und entwickeln neue Fertigkeiten im vernetzen Denken. Gemeinsam ist allen, dass sie die negativen Auswirkungen einer globalisierten Welt immer häufiger auch am eigenen Leib spüren.

– Die Globalisierung und ihre Auswirkungen: ein Begriff, der nicht ganz zu Unrecht für alles herhalten muss, was sich in den vergangenen 20 Jahren an weltweiten Dramen abspielt. Klimawandel, Wirtschaftskrise, Datenüberwachung, Konzerne, Billiglöhne, Steueroasen, Terror. Ein von mir hier gestohlener Begriff besagt: Globalisierung ist keine Einbahnstraße. In meinen eigenen Worten würde das heißen: alles hängt mit allem zusammen. Damit ist nicht das taumelnde Fahrrad in China gemeint und auch nicht der Flügelschlag eines Schmetterlings, sondern die wechselseitige Abhängigkeit der Weltregionen voneinander. Was mit wirtschaftlichem Zusammenwachsen begonnen hat, hat sich längst auf religiöse, legislative, kulturelle, epidemische, ökologische, kriminalistische und soziale Fragen ausgeweitet. Das bedeutet auch, dass existenzielle Bedrohungen wie Hunger, Krankheit, Armut und Krieg nicht länger nur ein Problem der jeweiligen Region sind. Sie sind wie der Klimawandel eine weltweite Angelegenheit. Was auf einer zeitlichen Achse betrachtet nur konsequent und logisch erscheint, weil ein beträchtlicher Anteil jenes Wohlstandes und Reichtums im Westen allein in meinem kurzen Lebensabschnitt auf der menschenfeindlichen Ausbeutung anderer Regionen der Welt beruht. Somit ist im Spätsommer 2015 nun auch für jeden Europäer sichtbar die Globalisierung in Spielfeld und Nickelsdorf angekommen. Bisher hat sie nicht als Flüchtling angeklopft, sondern als das neueste Smartphone-Modell, einer lecker Mango zum Brunch, einer flotten Zalando-Bestellung oder einer Hofer-Billigreise nach Ägypten oder Tunesien. Das sollte uns bewusst sein.

 

Es ist nämlich nicht so, dass man sagen könnte, es ist alles schlecht. Im Gegenteil. Das Leben ist die eierlegende Wollmilchsau. Und wir leben in der schönsten aller vorstellbaren Welten. Mit Wundern der Natur, der Küche, der Kreativität und der Kunst, mit Momenten der Begeisterung, Ekstase und der inneren Ruhe und Liebe, mit der Möglichkeit dem Leben unseren eigenen Stempel aufzudrücken, und mit dem evolutionärem Programm zu wachsen und zu lernen.

Es ist aber auch so, dass die Geschichte nicht gut ausgehen wird. Sie endet nämlich: hier.

 

 

Danke für die Zeit und das Lesen dieses Beitrags.

 

Markus Pühringer
Werdegang: Journalist, Kellner, Autor und Vater. Was mich antreibt: Philosophie, Menschen und Sport. biography: journalist, waiter, author and father. what moves me: philosophy, people and sport.

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