Eine Verlängerung bei Vollmond

23.05.2016 / / Politik
vollmond

Wer Sport mag, kennt das Gefühl, das jetzt in einem hochsteigt: das Spiel ist vorbei und es gibt keinen Sieger. Und es geht trotzdem weiter. Im Tennis heißt das Tie-Break, in einigen Ballsportarten wird im Entscheidungssatz auf zwei Punkte Unterschied gespielt. Im Fußball, Basketball oder Eishockey gibt es ein standardisiertes Verfahren dafür, mit dem es in die Verlängerung geht. Im dramatischsten Fall der Fälle kommt es zum Elfmeter- oder Penaltyschießen. Da sind Ruhe, Nerven, Eier und Ausstrahlung gefragt. Manuel Neuer und Thomas Müller kennen sich da aus.

Vor so einem Tag steht das politische und offizielle Österreich. Nach einem langen Wahlkampf ist auch in der Nacht danach nicht klar, wer in den kommenden sechs Jahren Österreichs Bundespräsident sein wird: Norbert Hofer oder Alexander Van der Bellen. Eine denkwürdige Wahl schon heute und für viele politische Menschen ein kleiner Alptraum, durch den sie heute Nacht durch müssen.

Eine Prognose: sollte Van der Bellen am Montag Abend als Sieger feststehen, wird die FPÖ die Wahl anfechten. Das stärkt sämtliche Feindbilder, die die Freiheitlichen propagieren. Ob dieses Unterfangen erfolgreich sein wird, ist natürlich heute nicht absehbar. Zweite Prognose: sollte Norbert Hofer am Montag Abend als Sieger feststehen, werden die Grünen die Wahl nicht anfechten. Eine noch tiefere Spaltung des Landes – die es natürlich gibt, Polarisierung ist dafür ein Hilfsausdruck – eine noch tiefere Spaltung Österreichs wäre auch tatsächlich nicht klug.

Ja, positiv ist, dass viel über Politik gestritten wurde. Weniger schlau, dass dabei viel aneinander vorbei gestritten wurde. Sowohl was die Kandidaten betrifft als auch im privaten Kreis, wenn die zwei Pole aneinander geraten. Dass FPÖ-Kandidat Hofer die Wahl auch zu einer Auseinandersetzung zwischen den Eliten oben und dem einfachen Volk unten stilisieren konnte, und das offenbar höchst erfolgreich, ist brandgefährlich, weil diese Methodik tatsächlich verfängt. Um nur einen Grund zu nennen: solange die Schere zwischen Arm und Reich nicht beginnt kleiner statt immer größer zu werden, wird es immer mehr potenzielle Wähler aus dem „einfachen Volk“ geben, die das Erstarken eines nationalen Lagers entweder in Kauf nehmen oder, was mir viel häufiger der Fall zu sein scheint, nicht einschätzen können. (Hier rächt sich eine jahrzehntelange Nivellierung von politischen Standards durch öffentlich subventionierte Boulevardblätter.) Im Ergebnis ist beides gleich schlimm und macht in Summe 50 Prozent der Österreicher aus. In der Analyse sieht die Sache aber anders aus. Jene, die vor lauter Globalisierungsängsten (Terror, Abstiegsangst, Billigjobs, Arbeitslosigkeit, Ausländer) in die Arme der Populisten laufen, ist meiner Einschätzung nach gewaltig. Durch solche Erfolge wie dem heutigen Hofers, 2,2 Millionen Wähler hinter sich zu wissen, erfahren natürlich auch die echten rechten Recken und Burschenschafter-Milieus einen gewaltigen Auftrieb. So weit reicht aber der Blick der meisten Wähler nicht, behaupte ich. Die lesen nämlich wenig Zeitung, verfolgen in Summe deutlich weniger Medien und verzichten überhaupt auf einen Mix beim Medienkonsum. Weil andere Dinge im Leben wichtiger sind. Bis die boulevardeske Panikmache beim nächsten Thema wieder verfängt. Hier mit Herablassung zu antworten, halte ich übrigens für einen der größten Fehler der Qualitätsmedien. Damit manifestiert sich letztlich nur das Eliten-und Wir-da-unten-Spiel und die Systemmedien-Kritik. (die, wie einige wissen, nicht so leicht von der Hand zu weisen ist).

Für die SPÖ, Hans Niessl im Burgenland und die Flüchtlingsthematik hat die Wahl auch etwas gezeigt: es ist nicht in die pannonische Tiefebene geschrieben, dass die SPÖ gemeinsam mit der FPÖ immer weiter nach rechts wandern muss. Van der Bellen hat 2,2 Millionen Stimmen hinter sich und die sind bei weitem nicht alle Eva-affin. Aber eine Politik gegen Populismus, Deutschtümelei und Hetze, sondern für ein weltoffenes Land und positives Menschenbild ist mehrheitsfähig. Wenn auch knapp.

Aber, ein aber habe ich noch: es braucht eine grundlegende Veränderung dessen, was Wirtschaft in diesem Land, in Europa und weltweit heute bedeutet. Keine Industrie, keine Branche, kein Mensch kommt daran vorbei darüber nachzudenken, wo unser derzeitiges System ohne revolutionäre Fortschritte in Richtung humanistischerem Weltbild hinführen soll. Wenn alles nichts nützt, appelliere ich nochmals an unsere Kinder. Darüber möchte ich diskutieren, Herr Bundeskanzler Kern! Da will ich endlich frischen Wind spüren, Herr Bundespräsident! Und sei es mit einer Luftpumpe gegen den Sturm. Good night and good luck, blue moon.

 

AC/DC – thunderstruck

Markus Pühringer
Werdegang: Journalist, Kellner, Autor und Vater. Was mich antreibt: Philosophie, Menschen und Sport. biography: journalist, waiter, author and father. what moves me: philosophy, people and sport.

Kommentare