Das Wohnzimmer

04.01.2020 / / Literatur & Poesie
Kaffeehaus

Vor mehr als 36 Monaten bin ich aus Wien zurück nach Wels. In der kleinbürgerlichen Übersichtlichkeit einer Durchschnittsstadt habe ich dort im Herzen etwas vorgefunden, das für mich wie ein Juwel funkelt. Ein Wohnzimmer, das ich dem eigenen vorziehe, und in dem ich durch meine playlist entrückt von den Vorgängen um mich, sowohl persönliche Kommunikation betreibe, Welt- oder Lokalpolitik verfolge, die Außenpolitik im aufliegenden „profil“ oder ein Buch lese oder aber selbst schreibe. Alles zu meiner Zeit zu meinem Tempo.

Mein Wohnzimmer heißt Moccá, liegt an der pfeilgeraden Ringstraße gegenüber einem modernen, sterilen Komplex vollgestopft mit Medizin und meist, wenn ich mit dem Auto da bin, ist ein Parkplatz in der Nähe frei. Zu Fuß sind es auch nicht mehr als 20 Minuten bis ins Wohnzimmer. Das Kaffeehaus hat an den Wochenenden großzügig bis 1 Uhr nachts geöffnet, und selbst in Wels schaukeln zu später Stunde die interessantesten Gesellen bei der Tür rein. Mein Menü besteht für 5,10 Euro aus einem kleinen Mocca und einem kleinen Soda-Zitron, nur selten unterfüttert durch einen geile Esterhazy-Torte oder Frankfurter-süß. Für mein Wohlbefinden sorgen abwechselnd Sabine, Martin, Eszter, Mónika und Dalma, jeder und jede auf seine und ihre Art gutgelaunt, vif und professionell. Das Publikum ist gemischt, das Café zieht überraschend viele junge Leute an, die in den verschiedensten Sprachen palavern. Einige klassische Stammgäste mittleren Alters hat es hier natürlich auch, persönlich kenne ich aber nur S. beim Namen, denn meist sitze ich allein am Podium im hinteren Teil des Kaffeehauses, wo man leicht erhöht einen Überblick über das gesamte Lokal hat.

Hinter den neuen Ledersesseln, die der Chef vor zwei Wochen gegen die höheren, abgewetzten Vorgänger ausgetauscht hat, befindet sich nämlich in der linken Ecke am Fenster und der rechten Ecke hinter der Bar je eine Steckdose, von denen ich wegen meinem leistungsschwachen MacBook-Akku abhängig bin. Also muss ich, weil hier noch das Leben ohne Festnetz und Bankomatkassa auskommt, ohne Reservierung darauf warten, dass links am Fenster oder rechts hinter der Bar ein Platz frei wird. Das hat sich aber noch immer ausgezahlt. Warten auf sein Platzerl im Wohnzimmer, von wo aus es eigentlich nicht und nie mehr besser werden kann. Bis zum nächsten Mal, halt.

Die Fantastischen Vier

Markus Pühringer
Werdegang: Journalist, Kellner, Autor und Vater. Was mich antreibt: Philosophie, Menschen und Sport. biography: journalist, waiter, author and father. what moves me: philosophy, people and sport.

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